SEGEBERGER GEDICHTE

manfred wurch

 

 

Der Kalkberg

 

Millionen Jahre steh ich hier

und blick ins weite Land.

Ich bin der Fels mit weißer Wand,

der Landschaft schönste Zier.

 

Dereinst mit Schutzburg für das Land;

vom Kaiser aufgesucht.

Und von den Wenden oft verflucht,

von Schweden abgebrannt.

 

Mein Fels jedoch stand lange fest -

bis man mir Riesenwunden schlug

und mein Gestein zum Bauen trug.

Und heut steht mahnend nur mein Rest.

 

Selbst mein Geheimnis stahl man mir!

Durch Absprengung der Felsenlage

kam meine Höhlenwelt zu Tage;

nun Fledermäusen ein Quartier.

 

Heut freut Karl May das Kinderherz.

Indianer reiten in die Runde.

Sie spielen tief in meiner Wunde.

Das lindert aber meinen Schmerz.

Höhlenbesuch

 

Mit uns geht’s abwärts – Höhlen liegen tiefer!

Die Treppe präsentiert sich ausgenagt.

Brigittes linker Pumpsabsatz wird schiefer.

Die Brüchigkeit ist heute angesagt.

 

Wir stehen erwartungsvoll – sekundenlang

mit wenig Lichtblick in der Unterwelt.

Karl-Heinz, wo bist du?“ klingt es leis und bang.

Dann tritt der Führer in sein Wirkungsfeld.

 

Komplette Auslaugung im Gipsrevier!“

Der Führer spricht fundiert von Salzstockmengen

und dann erklärt er CaSO4.

Er hofft, es bleibt am Schluss bei uns was hängen.

 

In Niedriggängen ruft man: Kopf einziehn!

Denn über uns hängts drohend tonnenschwer.

Der Fels hier scheint kurz vorm Verfallstermin,

jedoch er hält, ließ alle durch bisher.

 

Wir finden in den Gipsstein-Erosionen,

was Fantasie sich so hat ausgemalt:

Kamele, Löwen; Kaiser und Dämonen;

von Rotlicht werden Zwerge angestrahlt.

 

Am Schluss geht’s schneller, es wird nämlich kühl.

Erleichtert steigt man aus dem Höhlenschacht.

Dem Führer reichts auch. Er spricht nicht mehr viel.

Der Felsen hat zum Glück nicht Ernst gemacht!

 

 

Die Fledermaus

 

Wer kennt denn schon die Fledermaus

so detailliert und ganz genau?

Bei Dunkelheit nur fliegt sie aus;

ist dann - wie alle Katzen - grau.

 

Sie baut kein Nest wie's Vögel tun,

frisst nicht wie Mäuse Speck.

Du siehst sie selten mal sich ruh'n.

Sie huscht vorbei - ist weg.


Sie piepst nicht laut und stört uns nicht.

Sie fliegt ganz leise - schattengleich -

lässt schaudern uns im Dämmerlicht,

als käm`sie aus dem Totenreich.

 

 

Indianerzeit

 

Im mir steckt noch der Indianer

der Kinderzeiten – wild und frei;

Verfolgungsjagden als Sextaner,

in Büchern schmökern – nur Karl May.

 

Wir trafen uns in alten Lauben,

die Friedenspfeife macht die Rund'.

Es flatterten verschreckte Tauben

sich wundernd über diesen Bund.

 

Wir flogen über Koppelzäune,

kein Hindernis war hoch genug.

Wir kletterten auf alle Bäume

und legten Münzen vor den Zug.

 

Wir kämpften gegen üble Banden;

es waren die vom Nachbarort.

Und wenn wir endlich Frieden fanden,

hielten wir stets das Ehrenwort.

 

Und unser Wertebild aus Mut,

aus Treue und Gerechtigkeit

war nicht nur für uns „Krieger“ gut.

Es galt auch noch für spät're Zeit.

 

Und heut steh' ich am Marterpfahl;

es schwirren Pfeile auf mich zu.

Indianer kennen keine Qual!

Gegrüßet seist du, Manitu!

 

 

 

Ihlseetage

 

Ich denke noch oft an die "Ihlseetage",

an unser kleines Canaria.

Für uns ein Dorado - ohne Frage

nach schulischem Stress in der Unterprima.

 

Ganz hinten rechts da lagen wir stets,

                                      das Handtuch auf braunem Restrasen.                                     Zuerst noch die Pflicht: Latein übersetzt!

Dann begannen die Prellball-Phasen.

 

Das Feld markiert`in den Sand der Zeh

und Hände formten den mittigen Wall.

Recht fest war der Boden unten am See

und trotzdem versprang uns noch oftmals der Ball.

 

Das "Köppen" fand statt im hohen Sand.

Graue Staubwolken lösten wir aus!

Die zogen nun langsam über den Strand.

Für die anderen Gäste ein Graus!

 

Beim Fußballspiel benötigten wir

die "Copacabana" für uns!

Auch wenn es den Gästen nicht immer gefiel:

Es war brasilianische Kunst!

 

Und fahre ich heute am See mal vorbei,

und seh`buntes Strandgelage,

..... denk`ich an "Ihlseetage".

 

Travebilder

 

Mein Traveweg ist überschwemmt

nach Regentagen ohneZahl.

Der Fluss wird breiter, ungedämmt,

er nutzt sein altes Urstromtal.

 

Der Name – übersetzt : Die Schnelle -

wurde von Wenden ihm gegeben.

In Gießelrade an der Quelle

schafft man per Knopfdruck Sprudelleben.

 

Kopfweiden blicken unverwandt

auf Kuhlandschaften in der Näh'.

Es kreuzt ein Stockentenverband;

vom ander'n Ufer grüßt ein Reh.

 

Das Hochzeitskleid auch diese Jahr

ist weißer Wasserhahnenfuß.

Sie kämmt ihr grünes Algenhaar

dem Schwanenbräutigam zum Gruß.

 

Dann an der Catarina-Brücke

den Kopf ich sinnend beuge,

bevor ich auf das Holzkreuz blicke.

Der Fluss ist einz'ger Zeuge.

 

Durch Erlenzeilen geht ein Wind.

Quecksilberwasser glänzet matt

und Abendkühle schnell beginnt.

Mitten im Flusse treibt ein Blatt.

 

Es wird getragen all die Zeit

von starker Stromeskraft,

so dass es seinen Weg sehr weit

zum Mündungsziele schafft. 

 

Am See

 

Schon früh steig ich hinab zum See

aus dunklem, hohen Krähenwald;

steh' lange dort in Wassernäh',

wo ferner Blesshuhnruf erschallt.

 

Die weite Spiegelfläche liegt

noch unberührt vom Tageswind.

Ganz flach ein Entenvogel fliegt;

rauscht nieder, wo das Rohr beginnt.

 

Und uns' re „Rattenvilla“ weit

mit leuchtend grünem Giebel prahlt.

Es ist am See hier Lesezeit,

wenn früh das Morgenlicht erstrahlt.

 

Das Promenadenbild bestimmt

schon lang das weiße Schwanen-S

Es segelt zielgenau vorm Wind

zum lauten Entenfütterfest.

 

Mein Schneckenweg noch feucht und nass;

die Fliegen aus den Pfützen trinken.

An Sonnenstellen trocknet Gras.

Baumleichen aus dem Wasser winken.

 

Ein Zielpunkt war die „Negerhütte“

in Jugendzeiten – so auch heut.

Ich werf den Stein nach Kindersitte;

flach übers Wasser springt er – weit.

 

                                                                                 M. Wurch

 

 

 

Teufels Werk

 

,, Der Kalkberg ist des Teufels Werk“,

so heißt es in den Sagen.

Er wollte ihn gern nach Lübeck bringen

um Kirchen zu zerschlagen.

 

Er wurde ihm jedoch zur Last

und fiel herab zu früh.

Nun liegt er hier – ein fremder Gast.

Umsonst des Teufels Müh`?

 

***

Das alte Kurhaus – eine Pracht –

Es war das Werk von Menschen.

Der Erhalt hätte Sinn gemacht!

Ich würd`s herbei mir wünschen.

 

Heut` freu`n wir uns am Teufelswerk,

das Menschenwerk verschwand im Nu.

Das gibt`s nur in Bad Segeberg,

hier geht es mit dem Teufel zu.

 

 

Manfred Wurch

 

 

Sommerblues oder Bebensee

 

Die sterbende Kate erwachte noch 'mal

und schenkt' uns das Sommerasyl.

Wir stiegen hinein durchs Brombeerportal

und dankten mit „Kammerspiel“.

 

Trompetenklang schall bis auf's Feld,

die alte Kate nun bebte erregt.

Wir lebten in unserer kleinen Welt

von Rhythmus und Melodie bewegt.

 

Wir wischten den Staub und kratzten den Ruß.

Man warnte vor großer Gefahr!

Wir spielten nur unseren Jugendblues.

Und plötzlich war Bärbel da.

 

Der Sommer verging und alles schlief ein,

das Brombeerportal trug Beeren.

Es ging ein Riss durch 's alte Heim.

Zeit mag nicht wiederkehren.

                                              Manfred Wurch 2020

 

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